Wir finden, die Publikationskultur der akademischen Philosophie sollte offener werden. Das heißt:

  • Öffentlich finanzierte Forschung gehört der Öffentlichkeit
  • Förderung aktiv nutzen und Publikationsentscheidungen bewusst treffen
  • Diamond Open Access vernetzt ausbauen
  • Open-Access-Bücher stärken – die Buchkultur der Philosophie zukunftsfähig machen
  • Bibliodiversität stärken – Vielfalt als Qualitätsmerkmal
  • Fachgesellschaften einbinden, die Community engagieren
  • Publikationsinfrastrukturen aktiv gestalten
  • Qualitätssicherung gewährleisten
  • Themen offener Wissenschaft in Curricula integrieren

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Malte Dreyer, Eric Eggert, Nicola Mößner, Elio Pellin


Positionspapier zu Open Access in der Philosophie

Präambel: Wissenschaftliche Öffentlichkeit stärken – Publikationssysteme transformieren

Die derzeitige Publikationsökonomie befindet sich in einer fundamentalen Schieflage. Über Jahrzehnte hinweg hat sich ein System etabliert, in dem mit öffentlichen Mitteln finanzierte Forschungsergebnisse unter Kontrolle weniger, profitorientierter Verlage geraten sind. Diese Verlage erzielen teilweise Gewinnmargen von über 30 %, während Wissenschaftler:innen ihre Texte und ihre Gutachten meist unentgeltlich beisteuern – bezahlt aus öffentlicher Hand. Der wissenschaftliche Output wird damit zur Ware, und die Allgemeinheit, die ihn finanziert hat, wird vom Zugang ausgeschlossen.

Dies ist besonders problematisch für die Philosophie, was deutlich wird, wenn man auf einige ihrer Themengebiete blickt: Sie befasst sich u.a. mit den normativen Grundlagen unseres Zusammenlebens, den Voraussetzungen wissenschaftlicher Erkenntnis und zentralen Fragen gesellschaftlicher Orientierung. Ihr Potenzial, öffentlich zu wirken, bleibt jedoch weitgehend ungenutzt, auch weil ihre Ergebnisse hinter Paywalls verschwinden.

Problematisch sind diese Paywalls nicht zuletzt auch für das Fach selbst: Am wissenschaftlichen Diskurs kann nur teilhaben, wer Zugang zu den stetig teurer werdenden Publikationen hat.

Andere Disziplinen haben in den letzten Jahren durch die Transformation zu Open-Access-Modellen Öffnungsprozesse initiiert. Es ist an der Zeit, dass auch die Philosophie diesen Schritt geht und zu einer offenen und inklusiven Publikationskultur kommt.

Die Philosophie erzeugt nicht primär „Daten“, sondern ihr Erkenntnisgewinn äußert sich in der diskursiven Analyse, in der Rekonstruktion und Kritik von Argumenten sowie in der Reflexion. Dies muss im Rahmen einer genuin philosophischen Open-Access-Strategie besonders gewürdigt und strategisch berücksichtigt werden.

Die Philosophie ist ein inhaltlich breitgefächertes und methodisch heterogenes Fach. Diese Pluralität führt auch zu unterschiedlichen Einstellungen und Praktiken im Umgang mit offener Wissenschaft – etwa im Hinblick auf Publikationsformate, Zielgruppen oder das Wissenschaftsverständnis. Gerade deshalb ist es wichtig, gemeinsame Schnittmengen zu identifizieren, auf deren Basis ein tragfähiger, breit getragener Wandel hin zu Open Access gelingen kann. Dieses Positionspapier formuliert solche Schnittmengen und leitet daraus Empfehlungen ab, die sich an der Praxis orientieren und Raum für unterschiedliche fachliche Traditionen lassen – ohne das gemeinsame Ziel aus dem Blick zu verlieren: eine offene, unabhängige und zukunftsfähige Publikationskultur in der Philosophie.

Wir, die Unterzeichnenden, erkennen den skizzierten Bedarf im Fach und setzen uns dafür ein, öffentlich finanzierte Forschung öffentlich sichtbar, nutzbar und dauerhaft verfügbar zu machen.

Öffentlich finanzierte Forschung gehört der Öffentlichkeit

Alle wissenschaftlichen Werke, die mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden oder von öffentlich angestellten Wissenschaftler:innen in ihrer Dienstzeit verfasst wurden, sollen Open Access publiziert werden.

Förderung aktiv nutzen und Publikationsentscheidungen bewusst treffen

Autor:innen sollten bei der Wahl des Publikationsortes auf Open-Access-Optionen achten, sich bei Verlagen nach Open-Access-Modellen erkundigen, sich über verfügbare Förderprogramme (DFG, BMFTR , EU, Universitäten etc.) informieren und diese nutzen sowie bei Abschluss von Verlagsverträgen auf Musterverträge, rechtliche Beratung und institutionelle Hilfsangebote zurückgreifen.

Wir sehen den Bedarf für eine übergreifende Informationsstelle für Wissenschaftler:innen und Mitarbeitende in Universitäten und Forschungseinrichtungen, die auf nationaler Ebene Beratungen für Autor:innen und mit Publikationsprozessen betraute Mitarbeiter:innen anbieten kann. Dies könnte z.B. eine Aufgabe einer nationalen Koordinierungsstelle im Diamond-Open-Access-Bereich sein. Ein entsprechender Ausbau von Projekten wie DOACH oder SeDOA - in Kooperation mit dem FID-System - wäre eine Möglichkeit in diesem Kontext.

Grundsätzlich schlagen wir vor, dem Ausbau einer solchen Beratungsinfrastruktur eine konkrete Bedarfserhebung vorausgehen zu lassen - um u.a. zu erfassen, welche Angebote im Bereich nationaler Initiativen bereits bestehen, damit diese besser miteinander vernetzt werden können.

Diamond Open Access vernetzt ausbauen

Wir setzen uns für die Stärkung von Diamond-Open-Access-Modellen ein, also Publikations- und Finanzierungsformen, bei denen weder Autor:innen noch Leser:innen Gebühren entrichten müssen. Die zugehörigen Infrastrukturen sollen idealerweise von Bibliotheken, Fachinformationsdiensten, Fachgesellschaften oder öffentlich finanzierten Einrichtungen getragen und nicht kommerziell, sondern von der Wissenschaftsgemeinschaft betrieben werden. Zahlreiche Initiativen wie die National Capacity Centres oder der European Diamond Capacity Hub (EDCH), welcher aus den EU geförderten Projekten DIAMAS und CRAFT-OA hervorgegangenen ist, bieten weitere Unterstützungsangebote. Wir beziehen sie und weitere von der Community betreitgestellte Ressourcen – beispielsweise die Informationsseite der DGPhil zu OA-Fachzeitschriften und deren jeweilige Kostenstrukturen (https://www.dgphil.de/arbeitsgemeinschaften/open-access-zeitschriften-in-der-philosophie/) sowie die Informationsseite des open access networks zu OA in der Philosophie (https://open-access.network/informieren/open-access-in-fachdisziplinen/philosophie) – in unsere strategischen Planungen mit ein und wirken nach Kräften auf die dauerhafte Verankerung dieser Angebote in der Wissenschaftslandschaft hin.

Als entscheidend sehen wir dabei die Ermöglichung einer nachhaltigen Bereitstellung etablierter Angebote an. Dazu zählt insbesondere die Frage nach der Sicherstellung der Finanzierung entsprechender Infrastrukturangebote. Wir schlagen diesbezüglich eine Kostenumverteilung vor - statt überteuerte OA-Angebote kommerzieller Verlage zu finanzieren, sollten die dafür vorgesehenen Gelder (zumindest in hinreichenden Teilen) in den Aufbau einer wissenschaftsgestützten Diamond-Open-Access-Landschaft umgeleitet werden.

Open-Access-Bücher stärken – die Buchkultur der Philosophie zukunftsfähig machen

Für die Philosophie als klassische Buchdisziplin ist die Transformation hin zu Open Access nicht allein eine technische Herausforderung, sondern mit einem Wandel in der Wissenschaftskultur verbunden. Anders als im Bereich der Fachzeitschriften ist Open Access bei Büchern aber noch nicht flächendeckend etabliert, obwohl in den letzten Jahren wichtige Impulse gesetzt wurden – etwa durch die Realisierung erster Diamond-Open-Access-Infrastrukturen oder neuer Förderlinien für Open-Access-Buchpublikationen.

Die Philosophie zeichnet sich durch eine besondere Vielfalt an Buchformaten aus – von der historisch-kritischen Edition über die klassische Monografie bis hin zu thematisch kuratierten Sammelbänden. Diese Vielfalt ist identitätsstiftend für das Fach und muss auch in einer offenen Publikationskultur erhalten bleiben.

Wir sehen daher die Notwendigkeit, dass innerhalb der Community tragfähige, differenzsensible Lösungen für Open-Access-Bücher entwickelt werden. Ziel muss es sein, von der Community getragene und durch Bibliotheken gestützte Infrastrukturen zu etablieren, in denen philosophische Buchprojekte finanziell, technisch, organisatorisch und rechtlich umgesetzt werden können – unter Wahrung der Publikationsvielfalt (Bibliodiversität) und auch für Wissenschaftler:innen ohne Dauerstellen in der Akademia.

Wir erkennen den Wert kleiner und mittelständischer Verlage für die philosophische Publikationskultur an. Ziel muss jedoch sein, gemeinsam Wege zu finden, über die sie produktiv zur Umsetzung von Open Access beitragen können – sei es über kostentransparente Kooperationsmodelle, Flipping, d.h. das Umstellen auf OA-Modelle, oder Förderpartnerschaften.

Philosophische Zeitschriften transformieren

Fachzeitschriften der Philosophie sollen systematisch auf Open Access umgestellt („geflippt“) werden. Ein solcher Wandel braucht nicht nur Technik, sondern auch einen kritischen Diskurs. Ebenso ist die Neugründung von genuin offenen, idealerweise im Diamond-Open-Access-Modell betriebenen philosophischen Zeitschriften ausdrücklich zu begrüßen. Wissenschaftler:innen sollten ermutigt werden, in dieser Richtung aktiv zu werden und durch neue Initiativen die Vielfalt und Sichtbarkeit der Disziplin zu stärken.

Bibliodiversität stärken – Vielfalt als Qualitätsmerkmal

Die Philosophie lebt von einer Vielfalt an Publikationsformaten, die den unterschiedlichen Inhalten, Methoden und Kommunikationsbedürfnissen des Fachs entsprechen. Neben der klassischen Monografie und der Fachzeitschrift gehören dazu auch Sammelbände, Editionen und diverse digitale Publikationsformen. Diese Bibliodiversität ist eine Stärke, die es zu erhalten und zu fördern gilt – auch und gerade im Kontext von Open Access.

Wir fordern, dass diese Vielfalt nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Reputationsbildung angemessen berücksichtigt wird. Daher sollten unterschiedliche Publikationsformate in Publikationslisten sichtbar gemacht werden, in Bewertungs- und Berufungsverfahren Berücksichtigung finden, im Falle gleicher wissenschaftlicher Qualität als ebenbürtige Publikationen angesehen und in der Entwicklung offener Publikationsinfrastrukturen gefördert werden, sodass den Bedürfnissen der wissenschaftlichen Kommunikation in der Philosophie entsprochen werden kann.

Bibliodiversität ist damit nicht nur eine Frage der Publikationspraxis, sondern auch ein Baustein wissenschaftlicher Fairness und ein Garant für Pluralität im Fach.

Fachgesellschaften einbinden, die Community engagieren

Fachgesellschaften tragen als institutionalisierte Vertretung der Fachcommunity eine besondere Verantwortung für die wissenschaftliche Selbstbestimmung ihres Fachs. Sie haben die Möglichkeit – und zunehmend auch die Pflicht –, sich schützend vor ihre Mitglieder zu stellen, wo kommerzielle Akteure mit intransparenten Mitteln Kontrolle über wissenschaftliches Verhalten und Bewertungsprozesse zu gewinnen trachten. Gerade im Zuge der Digitalisierung nehmen Datenhoheit und Datenschutz eine Schlüsselrolle ein. Wir rufen die philosophischen Fachgesellschaften dazu auf, die Gründung und Förderung neuer, nicht-kommerzieller Journale und Buchreihen zu unterstützen, die in der Hand der Wissenschaftsgemeinschaft liegen. Als potentielle Akteure im Bereich der Publikationsdienstleistungen sollten sich die Fachgesellschaften aktiver einbringen und damit eine strategisch zentrale Position einnehmen.

Publikationsinfrastrukturen aktiv gestalten

Infrastrukturen für Publikationsdienstleistungen sollten unter Beteiligung der Community in öffentlichen Einrichtungen und für die Community entwickelt werden. Der FID Philosophie ist hier für das Fach ein prädestinierter Partner, der bereits mehrere Zeitschriftenprojekte aus der Community umgesetzt hat. Wesentlich erscheint uns im Kontext von Diamond-Open-Access-Vorhaben die Unterstützung beim Textsatz, die einen Austausch zwischen den Akteur:innen frei von Informationsverlusten gestattet. Ziel ist es, technische Lösungen zu schaffen, die den Bedürfnissen des Fachs entsprechen, dauerhaft verfügbar sind und nicht in Abhängigkeit von kommerziellen Anbietern geraten. Solche Infrastrukturen stärken die Selbstbestimmung der Wissenschaft und ermöglichen es, Publikationsprozesse flexibel, nachhaltig und qualitätsgesichert zu gestalten.

Qualitätssicherung gewährleisten

Open Access geht mit wissenschaftlicher Qualität Hand in Hand und verlangt transparente sowie nachvollziehbare Review-Verfahren. Wir setzen uns für die Etablierung von Bewertungskriterien ein, die wissenschaftliche Qualität sichtbar machen – unabhängig vom Geschäftsmodell des Publikationsortes. Darüber hinaus begrüßen und unterstützen wir transparente und innovative Formen der Qualitätssicherung – etwa Open Peer Review oder Plattformen wie Peer Community in (https://peercommunityin.org/) – die aus der Wissenschaft selbst heraus organisiert werden, dieser dienen und frei von Verwertungsinteressen bleiben. Solche Verfahren sollten zum Standard werden und jene Praktiken ablösen, die Abhängigkeiten von kommerziellen Metriken und den Handel mit Daten fortschreiben.

Themen offener Wissenschaft in Curricula integrieren

Fortgeschrittene Studierende und Promovenden sollen – mit Hilfe der Lehrangebote von Bibliotheken und anderen Campuseinrichtungen – befähigt werden, sich kritisch mit der gegenwärtigen Publikationslandschaft und den Praktiken des digitalen Publizierens auseinanderzusetzen und informierte Entscheidungen über ihre eigenen Vorhaben in diesem Bereich zu treffen. Dies umfasst: Themen wie Open-Access-Strategien und deren ethische, rechtliche und politische Dimensionen, Einblicke in die Funktionsweise von Publikations- und Reputationsökonomien sowie Wissenschaftsmetriken, Kenntnisse über nicht-kommerzielle Publikationsformate sowie praktische Kompetenzen zur Publikation in relevanten Qualifikationsstufen der wissenschaftlichen Ausbildung.

Die Auseinandersetzung mit offener Wissenschaft soll nicht als Zusatzthema, sondern wie andere Themen der „Guten Wissenschaftlichen Praxis“ als integraler Bestandteil einer philosophisch reflektierten wissenschaftlichen Bildung verstanden werden – denn nur wer die Strukturen kennt, kann sie auch mitgestalten.

Schlussbestimmung

Die Transformation zu einer offenen Publikationskultur betrachten wir als Gebot der Wissenschaftsethik und der gesellschaftlichen Verantwortung. Wir rufen daher alle Mitglieder der philosophischen Community sowie wissenschaftspolitischer Institutionen dazu auf, sich diesem Ziel anzuschließen und innerhalb der philosophischen Community einen systematischen, offenen Diskussionsprozess über die Zukunft des Publikationswesens zu initiieren, der alle relevanten Stakeholder beteiligt und umsetzbare Lösungen herbeiführt.

Ein Aktionsplan, der aus den hier formulierten strategischen Zielen konkrete Maßnahmen ableitet und zentrale Akteure in der Philosophie gezielt adressiert, könnte ein erster Schritt Richtung eines gemeinsam gestalteten und wirksamen Wandels sein.

Autor:innen

Malte Dreyer, Eric Eggert, Nicola Mößner, Elio Pellin

Unterzeichner:innen

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